[endstadium, das.]

Version 2

wieder jedes gesicht auf den

ersten blick deines, auf den zweiten einfach

eines, wieder deine stimme im ohr, das

leben ist ein komisches ding, fast wie ein

chamäleon, wieder deine hand auf meiner

schulter, wieder dein lachen, deine worte, diese eigentlich

belanglosen momente, die sich zwischen alle zehntelssekunden

legen, sich überlagern und durch alles hindurchsickern, die

nirgends platz haben, die damals einfach der

alltag mit dir waren, wieder freitagabend mit einem neuen

wein, wieder diese witze, an die ich mich nur

zufällig erinnern kann, wieder du an deinem

schreibtisch in der nacht, wie du sagtest, im leben hat man nur

drei wirkliche freunde, und danach mit hochgezogenen augenbrauen

ergänzt, ab dem vierten wird es gefährlich, wieder diese nachricht, die ich

maminka damals geschrieben habe, „ich wünsche ihm ein zweites leben, weil

eines nicht reicht“, wieder du im hauseingang, es war sommer und ein

wenig nach mitternacht, ich habe mein fahrrad in deinem

garten abgeholt, du hast auf mich gewartet, jedes mal, wieder diese

gespräche und immer diese lücke, wenn ich

jemandem erklären will, was du warst und wieviel du warst, wieder

damals auf dem balkon hinter dem haus, du hast eine unsichtbare linie mit deinen

händen in den himmel gemalt, „flieg, mein vögelchen, flieg so

weit du kannst“, ich

kann es noch heute hören, wie

du das sagst.

22/05/17 

(sollte es tatsächlich so sein, dass man im

leben nur drei wirkliche freunde hat, daddy, dann

warst du einer davon.)

© Sibyl Kurz