10x15cm gerahmtes glück.

wir rahmen die altbekannten gesichter und
schicken ihnen in unseren gedanken kleine gebete, dass sie
sicher sind im woauchimmer und alles haben, was sie
brauchen, schutz und wärme wahrscheinlich, wir
versuchen, ihr bild aus unseren hinterköpfen zu
kriegen, ohne das gefühl zu haben, wir
verdrängen etwas eigentlich zu früh, wir
streichen ihnen in gedanken durchs haar und
denken an das damals, als ihr haar noch
echt war und jedes mal muss ich daran denken, was
bazin über die fotografie gesagt hat, dass sie die zeit ein-
balsamiert und vor dem zerfall rettet und ich
denke auch daran, was alle immer sagen, nämlich dass man die
dinge loslassen muss, um sie
wirklich behalten zu können und ich frage mich, was das
bloss heissen soll, ich kann mir dich einfach immer noch
viel zu gut vorstellen hier, kann dein
lautes lachen immer noch viel zu deutlich hören an
manchen tagen, kann mir deine witze vorstellen, in ihren
umrissen jedenfalls, wir rahmen die
altbekannten gesichter und
schicken ihnen in unseren gedanken kleine gebete, dass sie
sicher sind im woauchimmer und alles haben, was sie
brauchen, schutz und wärme wahrscheinlich aber
vermutlich nicht viel mehr, ich komme nie viel weiter als bis zu
bazin, verstehst du, ich kann dich ein-
balsamieren, aber das mit dem loslassen, das
schaff‘ ich irgendwie noch nicht ganz.
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21/01/2019
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und jeden morgen schaust du vom fenster aus mit
deinem gesicht gen himmel der sonne entgegen.
10x15cm gerahmtes glück, daddy.
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©Sibyl Kurz