billymilja

liebe, blattläuse und poesie.

thank you for the love.

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ich schwitzte und schlief schlecht, der

ganze tag wurde von einer unruhe durchzogen, ich

arbeitete wie eine wilde und kaufte crème-

schnitten für dich, später fielen sie mir auf den boden, aber ich

dachte, du würdest dich sicher trotzdem

freuen, die ganze zeit wartete ich auf

diesen anruf, den niemand erhalten will und

doch hoffte ich insgeheim, ich würde es noch schaffen, ich

schaffte es nicht am ende, aber wir kamen dann

doch noch zu dir, obwohl du da nicht mehr

geatmet hast, deine hände sahen aus wie immer, nur dein

gesicht hat mich irritiert, interessanterweise kann ich

mich heute nicht mehr daran erinnern, vielleicht ist das eine

art schutz, du hättest das sicher gewusst, ich

habe dir blumen mitgebracht und das

erste mal vor dir geweint, es

passte einfach nicht in meinen kopf, also, dass es

das nun gewesen war mit uns, ich

schloss dein rosarotes armband in meiner

faust zusammen, so fest bis es knirschte und

draussen im auto schmolz die glasur der

crèmeschnitten in der abendhitze langsam und

zäh durch die ränder der verpackung hindurch auf den

teppichboden des beifahrersitzes.

05/06/2017

happy birthday & thank you for the love, so wie immer.

(und das alles hier ist so furchtbar leer ohne dein gesicht)

©Sibyl Kurz

[endstadium, das.]

Version 2

wieder jedes gesicht auf den

ersten blick deines, auf den zweiten einfach

eines, wieder deine stimme im ohr, das

leben ist ein komisches ding, fast wie ein

chamäleon, wieder deine hand auf meiner

schulter, wieder dein lachen, deine worte, diese eigentlich

belanglosen momente, die sich zwischen alle zehntelssekunden

legen, sich überlagern und durch alles hindurchsickern, die

nirgends platz haben, die damals einfach der

alltag mit dir waren, wieder freitagabend mit einem neuen

wein, wieder diese witze, an die ich mich nur

zufällig erinnern kann, wieder du an deinem

schreibtisch in der nacht, wie du sagtest, im leben hat man nur

drei wirkliche freunde, und danach mit hochgezogenen augenbrauen

ergänzt, ab dem vierten wird es gefährlich, wieder diese nachricht, die ich

maminka damals geschrieben habe, „ich wünsche ihm ein zweites leben, weil

eines nicht reicht“, wieder du im hauseingang, es war sommer und ein

wenig nach mitternacht, ich habe mein fahrrad in deinem

garten abgeholt, du hast auf mich gewartet, jedes mal, wieder diese

gespräche und immer diese lücke, wenn ich

jemandem erklären will, was du warst und wieviel du warst, wieder

damals auf dem balkon hinter dem haus, du hast eine unsichtbare linie mit deinen

händen in den himmel gemalt, „flieg, mein vögelchen, flieg so

weit du kannst“, ich

kann es noch heute hören, wie

du das sagst.

22/05/17 

(sollte es tatsächlich so sein, dass man im

leben nur drei wirkliche freunde hat, daddy, dann

warst du einer davon.)

© Sibyl Kurz

dich verlieren.

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wo ist meine schutzhaut hin, die von früher, die mich

durch tage wie diese getragen hat, die am abend auf dem

balkon, die auf dem fahrrad, manchmal fühlt es sich an, als

wärst du nur kurz verreist, gerade eben und bald wieder da, und dann

realisiere ich, dass das nicht passieren wird, dass ich mir die

dinge nicht mehr merken muss, um sie dir bei unserem nächsten

abendessen erzählen zu können, weil du niemals wieder

zurückkommen wirst an deinen platz oben am tisch, dass du

niemals wieder das messer neben deinem teller ausrichten

wirst, so dass die linie stimmt, nie mehr wieder dieses gesicht, dein

schulterzucken, dein lautes lachen, weisst du, nie mehr reden mit dir und

über andere lästern im krankenhaus, viel zu laut, weil du dein hörgerät verloren

hast, „die sind alle plemplem hier drin“ mit diesem verschwörerischen

unterton und dann hast du die augenbrauen hochgezogen und dir

drei mal mit dem finger an die schläfe getippt, um mir klar zu machen, wie

plemplem die wirklich alle sind, nie mehr wieder von der

wohnung erzählen und von der uni, dich nie mehr

sehen, wie du im supermarkt gestanden bist, um mich bei

meinem ersten job besuchen zu kommen, wo ist meine

schutzhaut hin, die von früher, die mich durch

tage wie diese getragen hat, die am abend auf dem

balkon, die auf dem fahrrad, daddy, wohin nimmst du sie

mit auf deinem weg fort von hier?

23/03/2017

©Sibyl Kurz

so lange her.

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die hitze legt sich zwischen den dächern schlafen, für einen

kurzen moment ist alles ganz still, ab und an das

zirpen einer grille und das dumpfe brausen des

verkehrs in der entfernten stadt, jemand wischt auf seinem

vorplatz etwas zusammen, ich denke an deine

alten hände und versuche, all das gute zu glauben, das du

jemals zu mir gesagt hast aber irgendwie hat sich das

licht geändert, in dem du stehst, du warst das zentrum, du warst

mitten in meinem herz aber nun plötzlich etwas ver-rückt, also von deinem

platz weggerückt, und ich weiss nicht genau, was ich mit

dieser tatsache anfangen soll, normalerweise hätte ich so

getan, als würde mir das alles gar nicht so viel ausmachen, ich hätte mit den

schultern gezuckt und ein undefinierbares gesicht dazu gemacht, aber bei dir

gelingt es mir irgendwie nicht, die maske funktioniert nicht, weil

masken trägt man nach aussen, weisst du, nach innen

gibt es keine und du warst doch mitten drin, immer, ich kann dich nicht

hergeben, selbst jetzt nicht.

die hitze legt sich zwischen den dächern schlafen, für einen

kurzen moment ist alles ganz still und

manche dinge ergeben erst viel später einen sinn.

31/08/2015 

(I love you very much.)

©Sibyl Kurz

 

das alles hier.

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briefmarken aus aller welt, der

mann auf dem mond, deine goldene

uhr, das blaue hemd, die cremigen weissen

tasten deines klaviers, der blühende hibiskus, dein

gelber sonnenhut, rissige hände, das

zwitschern der vögel, die schwarze sanduhr, dein

bücherregal, die witze auf dem klo, die

duftäpfel in der weissen schale, deine

blauen augen, der sand zwischen deinen

füssen, grillgeruch im sommer,

fischstäbchen, der verkohlte krustenkranz, die

kratzige decke auf dem rücksitz deines autos, dein

geduckter gang, belegte brötchen, die stille an den

nachmittagen, bernsteinfarbener whiskey, die

kleine muschel, die sessel vor dem fernsehen, deine

alten bücher, die

nachrichten immer um zwölf und ja nicht reden dabei, dein

konzentriertes gesicht, mittagsschlaf und danach ein

eis, kaffe schwarz ohne garnichts ausser cognac ab und

zu, klavier üben und fluchen dabei, der sessel neben

deinem schreibtisch, die teller aus persien, dein

schmuckkasten, fotoalben, der schaukelstuhl in der

stube, der gebetsteppich auf dem tisch, deine

fruchtschale, irgendwann in der nacht deine

stimme, das alles hier ist mehr als

das alles hier, dein grinsen.

15/03/17

©Sibyl Kurz

time is nothing.

Version 2

noch einmal diesen weg durch den wald, neben den

kuhweiden vorbei, noch einmal stehen

bleiben oben an der strasse und zu diesem

riesigen haus rüberschauen, noch einmal die

geschichte von diesem typen hören, der dort drin mal

gewohnt hat und nicht ganz beieinander war, noch

einmal sechs jahre alt und mit dir schlitteln im winter, noch

einmal all die nachmittage in eurer stube verbringen, mit dir

hausaufgaben machen und die

eisenbahn aufbauen, noch einmal älter werden mit dir und dir

immer ähnlicher werden, dich jedes mal neu

kennenlernen, noch einmal kastanien sammeln auf dem

parkplatz hinter dem haus in der herbstsonne, noch

einmal laub wischen mit dir und danach einen kakao

trinken in der küche, noch einmal das erste mal

klavier spielen mit dir, noch einmal die geschichte

hören zu der kleinen muschel, noch einmal über

paris reden und deine klaren, hellblauen augen lachen

sehen, noch einmal deine witze hören und mit dir

frühstücken vor der schule, noch einmal mit dir

auto fahren und die geschwindigkeitslimite übersteigen, noch

einmal über rot fahren und dich sagen hören, das hat doch noch

gereicht, oder?, noch

einmal mit dir schach spielen, karten legen, kreuzworträtsel

lösen, wein trinken, in den garten starren und die

zeit vergessen, noch einmal gross werden in deinen

armen, noch einmal hören, wie du das sagst, meine

kleine, noch einmal

leben mit dir, einfach noch einmal ein

leben mit dir.

11/03/2017

„It’s dark now and I am very tired.

I love you, always. Time is nothing.“

(A. Niffenegger)

©Sibyl Kurz

 

take me back there.

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durch die stadt fahren im dunkeln, leuchtende

punkte die lichter durch die nacht verstreut, du

streichst mir durchs haar, als ich dich frage, wieso wir

hier sind, just for the hell of it, sagst du, oktober

zweitausendundsieben.

noch einmal jetzt vor 9 jahren

hätte ich dir öfters gesagt, wie cool und

wichtig du bist,

hätte ich auf deine untertöne geachtet, auf die

momente, in denen du hättest lachen sollen, aber

komischerweise nichts lustig fandest,

hätte ich mir gewisse bilder besser eingeprägt, die

fotos für ins gedächtnis, verstehst du?

noch einmal jetzt vor 9 jahren

hätte ich dir versprochen, immer da zu

sein und ich hätte es

eingehalten, drei mal finger

kreuzen, so wie immer,

hätte ich dir das foto geschenkt, das du so

unbedingt haben wolltest,

hätte ich mein bestes gegeben, dass du

glücklich gewesen wärst, nicht so allein, nicht so weit

weg, nicht so leer.

noch einmal jetzt vor 9 jahren

wäre ich vor dich gestanden und hätte dir diese

drei dinge gesagt, von denen daddy immer sagte, sie seien das

wichtigste und einzigste, was man einem menschen wirklich mit

grösster gewissheit sagen kann, thank you, take care und

i love you whatever may come.

noch einmal jetzt vor 9 jahren

hätte ich an diesem einen abend um 18:53 uhr deine

anrufe nicht verpasst, sondern wäre da gewesen am anderen

ende und hätte deine stimme noch einmal gehört und etwas zu dir

gesagt, das dich vielleicht gerettet hätte, etwas

entscheidendes, etwas einfaches, einfach etwas.

noch einmal jetzt vor 9 jahren

hätte ich das nicht verpasst, diesen einen letzten

moment, versprochen.

durch die stadt fahren im dunkeln, leuchtende

punkte die lichter durch die nacht verstreut, du

streichst mir durchs haar, als ich dich frage, wieso wir

hier sind, just for the hell of it, sagst du, oktober

zweitausendundsieben.

26/02/2017

(thank you. take care. i love you whatever

may come – take me back there.)

© Sibyl Kurz

frieden, abgemacht?

Version 2

ich hab‘ dich tot gelassen, entgegen allem, was mir

alle anderen gesagt haben, es ist trotzdem immer noch dein

monat, mit der sonne und der kälte, mit diesem komischen

gefühl im bauch, ich hab‘ viel von dir vergessen und von dem, was ich

behalten hab‘, geht jedes mal ein bisschen mehr verloren, früher

waren meine erinnerungen an dich das, was mich durch den

tag getragen hat, heute ziehen sie mich zurück in eine

zeit, die ich beinahe nicht mehr wiedererkenne auf den

fotos, es war schön mit dir, das hab‘ ich nie angezweifelt, aber

vielleicht hab‘ ich heute eine andere definition von

schön, gezwungenermassen musste ich das irgendwann

revidieren, weisst du, die zugvögel haben diesen instinkt, dass sie

weggehen müssen, um überleben zu können, vielleicht hatte ich das

auch, vielleicht immer noch oder immer ein bisschen

mehr, ich hab‘ dich tot gelassen, entgegen allem, was mir

alle anderen gesagt haben, verstehst du, um leben zu können, muss ich

dich tot lassen, ich hoffe das geht in ordnung so für dich,

frieden, abgemacht?

19/02/2017

(„did you get enough love

my little dove

why do you cry?“)

© Sibyl Kurz

damals, später, immer.

damals, wind aus dem osten, wieso

kann nichts jemals für immer bleiben, du

lachst, deine augen auch, das ist das

leben rufst du, du hast nicht verstanden, wie

tragisch das für mich war, vielleicht aber doch und

hast dir nichts anmerken lassen, später, viel

später, draussen dunkel und immer noch wind, hast du

gesagt, deswegen müssen wir unsere hände um

alles legen was wir brauchen, ich spüre deine

hand noch immer auf meinem haar, auf meine

frage, woher man wisse, was man zum leben

braucht, hast du mit den schultern gezuckt und dein

typisches gesicht für so situationen gemacht, als du

geschlafen hast, habe ich ab und an vorbeigeschaut, ob du noch

atmest, ich brauchte das, dass du neben mir im

zimmer schliefst, alt und müde, auch die

tage mit dir brauchte ich und diese momente, an die man sich

nach einer weile nicht mehr so genau erinnern kann, die

klugen dinge, die du mehr beiläufig als bewusst gesagt hast, all das

brauchte ich aber ich habe dir das nie gesagt, ich habe dich

gefragt damals, wie die dinge wissen, dass man seine

hände um sie gelegt hat, wie können sie das

wissen und du hast in deinen kaffee gestarrt und

gesagt, das werden sie schon merken, sie

werden das wissen, kleines, die sind ja nicht blöd, ganz im

gegenteil.

ich habe dich nicht gefragt, was du genau damit

gemeint hast damals, ob das einfach eine deiner

seltsamen äusserungen war, ob du gewusst hast, wie

wichtig das war für mich, aber ich hoffe du weisst, dass ich

meine hände um dich gelegt habe, um uns, weil ich das

brauche, weil ich brauche, dass das für immer bleibt, ich

hoffe du hast das gemerkt, du bist ja nicht

blöd, ganz im gegenteil.

24/01/2017

© Sibyl Kurz

viel zu klein für die neuen schuhe.

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die zeit hat etwas wartendes, wie im

sommer der himmel vor dem gewitter, ich

schlafe immerzu aber es ist ein

unruhiger, traumloser schlaf, manchmal brauche ich

morgens fünf sekunden, um mich zu orientieren, dein

gesicht an der wand ist surreal und fühlt sich

komisch an, du bist doch noch da oder eben nicht mehr, sondern

anders da als früher, das wird nicht mehr dein

gesicht und dein blick sein, jedes mal wenn mir das in den

sinn kommt, wende ich mich ab und stürze mich in gedanken

anderswohin, ich renne wie eine verrückte, nur um nicht an

diesen moment zurückzugelangen, damals, ich ganz allein mit

all dieser scheisse und klein, viel zu klein für die neuen

schuhe, alles fühlt sich an wie ein riesiges déja-vu von damals, ich

verdränge das, obwohl ich weiss, dass man das eigentlich nicht

tun sollte, ich versuche, dieses bild zu vergessen von dir, das

letzte, obwohl das dazugehört, es war die

erkenntnis, die letzte bestätigung aber als ich sie vor mir

sah, ertrug ich sie trotzdem nicht, geweint habe ich erst

draussen wieder, nicht vor dir, nie vor

dir, die

zeit hat etwas wartendes, wie im sommer der

himmel vor dem gewitter, ich weiss nicht, auf

was ich warte, himmel oder hölle, beides

gleichzeitig, du hättest gesagt, mach dir

nicht so viele gedanken kleines, und genau das

ist vermutlich das problem, dass du das gesagt

hättest, dass du nicht mehr sagst, verstehst du?

29/01/2017

(„after laughter comes tears“)

© Sibyl Kurz