billymilja

liebe, blattläuse und poesie.

irreparabel gebrochen.

IMG_6288

–

immer wieder deine stimme, an sich

betrachtet ist das leben nichts anderes als der

nackte wahnsinn, dich nicht mehr suchen, langsam

verstehen, dass es keinen sinn mehr ergibt, dein weisses

gesicht damals, das mein herz so

irreparabel gebrochen hat, wissen, dass es

okay ist, traurig zu sein, die

zukunft umarmen und durchstarten, weil du nichts

anders für mich gewollt hättest, dich nicht aus

meinem leben verdrängen, nur weil die

lücke unerträglich ist, sondern dir irgendwo einen

platz geben, die tatsache umarmen, dass du jetzt nur noch in der

form der erinnerung hier bist, das feuer, das dein gesicht

frisst, nicht daran denken, deine leichtigkeit dem

leben gegenüber übernehmen, auch deine

kluge art, die schattenseiten des lebens zu betrachten, nämlich als die

silhouetten von etwas anderem, grossartigem, manchmal die

arme gen himmel strecken und dir alles gute wünschen, von

jetzt an für immer, manchmal erdbeeren mit

meringuen essen für dich, der nackte wahnsinn, daddy.

–

11/07/2017

©Sibyl Kurz

wo anfangen?

IMG_2990

–

den kopf aufräumen bis in die schmerzhaftesten

ecken hinein, die freitagabende mit anderen

dingen und vor allem ohne dein gesicht

füllen, nicht jedes mal daran denken, was du in

gewissen situationen und zu gewissen

dingen gesagt hättest, jede nacht und jeden

morgen dein gesicht erneut verlieren, dein

verschmitztes lachen in erinnerung er-

tragen können, dich

loslassen for good, wie soll das

bloss gehen?

wo soll ich anfangen, wo

sollen die worte herkommen, die uns

gerecht werden könnten, auch nur

ansatzweise? und wieso ist da

ständig dieses seltsame gefühl, allen er-

klären zu müssen, was das war, was du

warst, wie sich dein schutz angefühlt hat, wie

tief unter der haut deine liebe sitzt und wie

beschissen nackt sich das anfühlt, also, ohne

dich hier zu sein? und ich

weiss, du hast es mir

tausendmal gesagt, „man darf sein leben nicht für

die toten leben, kleines“, aber daddy,

wo soll ich anfangen und vor

allem: wer soll ich sein?

–

21/07/2017

(„la vie c’est la folie,

ma chérie“)

©Sibyl Kurz

ganz zum schluss.

IMG_2095

–

über die weisse und flimmernde stadt schauen und

nichts denken, es gelang mir nicht so wirklich, die hitze war

schwer und träge und einen tag nach meiner ankunft kam die

traurigkeit zurück und mit ihr das bild deines

gesichts mit all seiner heftigkeit, der geruch von

diesem kleinen und stickigen zimmer und diese

seltsame panik beim gedanken daran, dich

niemals wieder zu sehen, ich

weiss, dass es dir gut geht oder vielleicht auch einfach

gar nicht mehr geht, weil das an deinem ort jetzt keine so

wirkliche rolle mehr spielt, aber das ist in

ordnung, also, dass ich eine weile brauchen werde, um mit

diesem bruch klarzukommen, du hast mein

leben in ein vor dir und nach dir geteilt und

irgendwann wird auch das in ordnung sein, ich

weiss das, ich weiss nur nicht, wie ich

jemals an diesen punkt gelangen soll, ich

weiss nur, dass weggehen daran nichts ändert, wir

haben das selbst immer gesagt, also, dass

wegfahren dir nur einen kleinen vorsprung gibt, aber dass dich

alles wieder einholt, irgendwann, wie

oft haben wir darüber auch gelacht, über diesen

naiven gedanken, aber vielleicht ist das diese

ironie des lebens, von der du immer gesprochen hast und die ich

nie so wirklich in irgendeiner art greifen konnte, also, dass das

leben dir das herz mit deinen eigenen

witzen bricht, ganz zum schluss.

–

11/06/2017

–

„du wirsch vergässe, sibyl, und

das isch das wo di rettet im läbe,

immer, weisch?

du wirsch vergässe, wie sech das agfüeut het,

jez hie, so allei und verlore, mini chlini.“

©Sibyl Kurz

thank you for the love.

IMG_7796

–

ich schwitzte und schlief schlecht, der

ganze tag wurde von einer unruhe durchzogen, ich

arbeitete wie eine wilde und kaufte crème-

schnitten für dich, später fielen sie mir auf den boden, aber ich

dachte, du würdest dich sicher trotzdem

freuen, die ganze zeit wartete ich auf

diesen anruf, den niemand erhalten will und

doch hoffte ich insgeheim, ich würde es noch schaffen, ich

schaffte es nicht am ende, aber wir kamen dann

doch noch zu dir, obwohl du da nicht mehr

geatmet hast, deine hände sahen aus wie immer, nur dein

gesicht hat mich irritiert, interessanterweise kann ich

mich heute nicht mehr daran erinnern, vielleicht ist das eine

art schutz, du hättest das sicher gewusst, ich

habe dir blumen mitgebracht und das

erste mal vor dir geweint, es

passte einfach nicht in meinen kopf, also, dass es

das nun gewesen war mit uns, ich

schloss dein rosarotes armband in meiner

faust zusammen, so fest bis es knirschte und

draussen im auto schmolz die glasur der

crèmeschnitten in der abendhitze langsam und

zäh durch die ränder der verpackung hindurch auf den

teppichboden des beifahrersitzes.

–

05/06/2017

happy birthday & thank you for the love, so wie immer.

(und das alles hier ist so furchtbar leer ohne dein gesicht)

©Sibyl Kurz

[endstadium, das.]

Version 2

–

wieder jedes gesicht auf den

ersten blick deines, auf den zweiten einfach

eines, wieder deine stimme im ohr, das

leben ist ein komisches ding, fast wie ein

chamäleon, wieder deine hand auf meiner

schulter, wieder dein lachen, deine worte, diese eigentlich

belanglosen momente, die sich zwischen alle zehntelssekunden

legen, sich überlagern und durch alles hindurchsickern, die

nirgends platz haben, die damals einfach der

alltag mit dir waren, wieder freitagabend mit einem neuen

wein, wieder diese witze, an die ich mich nur

zufällig erinnern kann, wieder du an deinem

schreibtisch in der nacht, wie du sagtest, im leben hat man nur

drei wirkliche freunde, und danach mit hochgezogenen augenbrauen

ergänzt, ab dem vierten wird es gefährlich, wieder diese nachricht, die ich

maminka damals geschrieben habe, „ich wünsche ihm ein zweites leben, weil

eines nicht reicht“, wieder du im hauseingang, es war sommer und ein

wenig nach mitternacht, ich habe mein fahrrad in deinem

garten abgeholt, du hast auf mich gewartet, jedes mal, wieder diese

gespräche und immer diese lücke, wenn ich

jemandem erklären will, was du warst und wieviel du warst, wieder

damals auf dem balkon hinter dem haus, du hast eine unsichtbare linie mit deinen

händen in den himmel gemalt, „flieg, mein vögelchen, flieg so

weit du kannst“, ich

kann es noch heute hören, wie

du das sagst.

–

22/05/17 

(sollte es tatsächlich so sein, dass man im

leben nur drei wirkliche freunde hat, daddy, dann

warst du einer davon.)

© Sibyl Kurz

dich verlieren.

IMG_2334

–

wo ist meine schutzhaut hin, die von früher, die mich

durch tage wie diese getragen hat, die am abend auf dem

balkon, die auf dem fahrrad, manchmal fühlt es sich an, als

wärst du nur kurz verreist, gerade eben und bald wieder da, und dann

realisiere ich, dass das nicht passieren wird, dass ich mir die

dinge nicht mehr merken muss, um sie dir bei unserem nächsten

abendessen erzählen zu können, weil du niemals wieder

zurückkommen wirst an deinen platz oben am tisch, dass du

niemals wieder das messer neben deinem teller ausrichten

wirst, so dass die linie stimmt, nie mehr wieder dieses gesicht, dein

schulterzucken, dein lautes lachen, weisst du, nie mehr reden mit dir und

über andere lästern im krankenhaus, viel zu laut, weil du dein hörgerät verloren

hast, „die sind alle plemplem hier drin“ mit diesem verschwörerischen

unterton und dann hast du die augenbrauen hochgezogen und dir

drei mal mit dem finger an die schläfe getippt, um mir klar zu machen, wie

plemplem die wirklich alle sind, nie mehr wieder von der

wohnung erzählen und von der uni, dich nie mehr

sehen, wie du im supermarkt gestanden bist, um mich bei

meinem ersten job besuchen zu kommen, wo ist meine

schutzhaut hin, die von früher, die mich durch

tage wie diese getragen hat, die am abend auf dem

balkon, die auf dem fahrrad, daddy, wohin nimmst du sie

mit auf deinem weg fort von hier?

–

23/03/2017

©Sibyl Kurz

so lange her.

IMG_4886

–

die hitze legt sich zwischen den dächern schlafen, für einen

kurzen moment ist alles ganz still, ab und an das

zirpen einer grille und das dumpfe brausen des

verkehrs in der entfernten stadt, jemand wischt auf seinem

vorplatz etwas zusammen, ich denke an deine

alten hände und versuche, all das gute zu glauben, das du

jemals zu mir gesagt hast aber irgendwie hat sich das

licht geändert, in dem du stehst, du warst das zentrum, du warst

mitten in meinem herz aber nun plötzlich etwas ver-rückt, also von deinem

platz weggerückt, und ich weiss nicht genau, was ich mit

dieser tatsache anfangen soll, normalerweise hätte ich so

getan, als würde mir das alles gar nicht so viel ausmachen, ich hätte mit den

schultern gezuckt und ein undefinierbares gesicht dazu gemacht, aber bei dir

gelingt es mir irgendwie nicht, die maske funktioniert nicht, weil

masken trägt man nach aussen, weisst du, nach innen

gibt es keine und du warst doch mitten drin, immer, ich kann dich nicht

hergeben, selbst jetzt nicht.

–

die hitze legt sich zwischen den dächern schlafen, für einen

kurzen moment ist alles ganz still und

manche dinge ergeben erst viel später einen sinn.

–

31/08/2015 

(I love you very much.)

©Sibyl Kurz

 

das alles hier.

IMG_3368

–

briefmarken aus aller welt, der

mann auf dem mond, deine goldene

uhr, das blaue hemd, die cremigen weissen

tasten deines klaviers, der blühende hibiskus, dein

gelber sonnenhut, rissige hände, das

zwitschern der vögel, die schwarze sanduhr, dein

bücherregal, die witze auf dem klo, die

duftäpfel in der weissen schale, deine

blauen augen, der sand zwischen deinen

füssen, grillgeruch im sommer,

fischstäbchen, der verkohlte krustenkranz, die

kratzige decke auf dem rücksitz deines autos, dein

geduckter gang, belegte brötchen, die stille an den

nachmittagen, bernsteinfarbener whiskey, die

kleine muschel, die sessel vor dem fernsehen, deine

alten bücher, die

nachrichten immer um zwölf und ja nicht reden dabei, dein

konzentriertes gesicht, mittagsschlaf und danach ein

eis, kaffe schwarz ohne garnichts ausser cognac ab und

zu, klavier üben und fluchen dabei, der sessel neben

deinem schreibtisch, die teller aus persien, dein

schmuckkasten, fotoalben, der schaukelstuhl in der

stube, der gebetsteppich auf dem tisch, deine

fruchtschale, irgendwann in der nacht deine

stimme, das alles hier ist mehr als

das alles hier, dein grinsen.

–

15/03/17

©Sibyl Kurz

time is nothing.

Version 2

–

noch einmal diesen weg durch den wald, neben den

kuhweiden vorbei, noch einmal stehen

bleiben oben an der strasse und zu diesem

riesigen haus rüberschauen, noch einmal die

geschichte von diesem typen hören, der dort drin mal

gewohnt hat und nicht ganz beieinander war, noch

einmal sechs jahre alt und mit dir schlitteln im winter, noch

einmal all die nachmittage in eurer stube verbringen, mit dir

hausaufgaben machen und die

eisenbahn aufbauen, noch einmal älter werden mit dir und dir

immer ähnlicher werden, dich jedes mal neu

kennenlernen, noch einmal kastanien sammeln auf dem

parkplatz hinter dem haus in der herbstsonne, noch

einmal laub wischen mit dir und danach einen kakao

trinken in der küche, noch einmal das erste mal

klavier spielen mit dir, noch einmal die geschichte

hören zu der kleinen muschel, noch einmal über

paris reden und deine klaren, hellblauen augen lachen

sehen, noch einmal deine witze hören und mit dir

frühstücken vor der schule, noch einmal mit dir

auto fahren und die geschwindigkeitslimite übersteigen, noch

einmal über rot fahren und dich sagen hören, das hat doch noch

gereicht, oder?, noch

einmal mit dir schach spielen, karten legen, kreuzworträtsel

lösen, wein trinken, in den garten starren und die

zeit vergessen, noch einmal gross werden in deinen

armen, noch einmal hören, wie du das sagst, meine

kleine, noch einmal

leben mit dir, einfach noch einmal ein

leben mit dir.

–

11/03/2017

„It’s dark now and I am very tired.

I love you, always. Time is nothing.“

(A. Niffenegger)

©Sibyl Kurz

 

take me back there.

IMG_1127.JPG

–

durch die stadt fahren im dunkeln, leuchtende

punkte die lichter durch die nacht verstreut, du

streichst mir durchs haar, als ich dich frage, wieso wir

hier sind, just for the hell of it, sagst du, oktober

zweitausendundsieben.

–

noch einmal jetzt vor 9 jahren

hätte ich dir öfters gesagt, wie cool und

wichtig du bist,

hätte ich auf deine untertöne geachtet, auf die

momente, in denen du hättest lachen sollen, aber

komischerweise nichts lustig fandest,

hätte ich mir gewisse bilder besser eingeprägt, die

fotos für ins gedächtnis, verstehst du?

–

noch einmal jetzt vor 9 jahren

hätte ich dir versprochen, immer da zu

sein und ich hätte es

eingehalten, drei mal finger

kreuzen, so wie immer,

hätte ich dir das foto geschenkt, das du so

unbedingt haben wolltest,

hätte ich mein bestes gegeben, dass du

glücklich gewesen wärst, nicht so allein, nicht so weit

weg, nicht so leer.

–

noch einmal jetzt vor 9 jahren

wäre ich vor dich gestanden und hätte dir diese

drei dinge gesagt, von denen daddy immer sagte, sie seien das

wichtigste und einzigste, was man einem menschen wirklich mit

grösster gewissheit sagen kann, thank you, take care und

i love you whatever may come.

–

noch einmal jetzt vor 9 jahren

hätte ich an diesem einen abend um 18:53 uhr deine

anrufe nicht verpasst, sondern wäre da gewesen am anderen

ende und hätte deine stimme noch einmal gehört und etwas zu dir

gesagt, das dich vielleicht gerettet hätte, etwas

entscheidendes, etwas einfaches, einfach etwas.

–

noch einmal jetzt vor 9 jahren

hätte ich das nicht verpasst, diesen einen letzten

moment, versprochen.

–

durch die stadt fahren im dunkeln, leuchtende

punkte die lichter durch die nacht verstreut, du

streichst mir durchs haar, als ich dich frage, wieso wir

hier sind, just for the hell of it, sagst du, oktober

zweitausendundsieben.

–

26/02/2017

(thank you. take care. i love you whatever

may come – take me back there.)

© Sibyl Kurz