billymilja

liebe, blattläuse und poesie.

so war das nicht ausgemacht.

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wann warst du das letzte mal am meer, das letzte mal

baden, wann hast du das letzte mal so richtig laut gelacht?

wieviel von dem allem hier weisst du noch, welche

erinnerungen sind wirklich noch deine und welche viel zu

lange schon verblasst? wann warst du das letzte mal im

wald, das letzte mal diesen weg wie früher immer? wie oft hast du an mich

gedacht? wann hast du das letzte mal klavier gespielt, das

letzte mal vom balkon aus die sterne gezählt? und hast du die kleine

muschel noch? hast du dir alles gut eingeprägt, daddy? den garten und deinen

platz an der sonne, wie sich der teppich an deinem

schreibtisch unter den füssen angefühlt hat und das

ticken der uhr? hast du deine finger über die bücherrücken im

regal streichen lassen, alles, was du je gelesen hast? hast du auch nicht

vergessen, die sanduhr umzudrehen, bevor du gingst? hast du in

gedanken an unsere nächte an diesem sichersten ort der

welt gedacht, ich im sternenpyjama mit kakao und du mit dem

grauen pullover und dem whiskeyglas? wie du

gesagt hast, dass es orte gibt, an denen die zeit stillsteht, dass sie aber

deswegen an anderen orten doppelt so schnell verstreicht, weisst du

noch? hast du alles eingepackt, die lupe und dein liebstes

buch und auch das bild von der meerjungfrau? wann

werden wir uns wiedersehen? und bist das dann noch du?

wann hast du das letzte mal geweint? und hast du irgendwo in dir

gewusst, dass alles mal so kommen wird?

weil so war das nicht ausgemacht, daddy. so war das nicht

ausgemacht.

12/01/2017

(deine hände. für immer deine hände.)

© Sibyl Kurz

bittebitte.

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das neue jahr beginnen und die

vorsätze noch nicht aufschreiben, sie

ändern sich von woche zu woche

neu, genug champagner für den winter, genug

warme pullover, kleine steine auf dem

fensterbrett, atem für die

nächste zeit.

den februar februar sein lassen, den

monat mit dem schwarzen post-it am

kühlschrank und seinem gesicht im

hinterkopf, das all die jahre kleben blieb, wie der

kaugummi an der schuhsohle, atmen und die tage abhaken und

insgeheim hoffen, dass sie genau so still bleiben wie

bis anhin.

die pullover nicht zu früh aus dem schrank holen, dem himmel nicht

trauen, der wind ist kalt und märz so eine

zeit zwischen den zeiten.

im april dem frühling zuschauen, wie er

langsam hinter allen ecke angekrochen

kommt, die osterglocken für mama und die

duftäpfel für oma, bis jetzt läuft

eigentlich alles ganz gut.

viel schlafen im mai und die reise für den

sommer planen, nicht so weit weg,  bloss bis

zum meer, irgendwo, die

prüfungen schreiben und glauben, bald sei

das ende in sicht.

im juni tanzen und die finger kreuzen, der

sommer naht und mit ihm dieses

altbekannte glücksgefühl.

im salzigen meerwasser und danach ein

sommersby, irgendwo am strand, nicht an

alles denken, woran man noch denken

sollte, durch die sonnenbrille erscheint das

leben im juli träg und in guten farben, dieses

gefühl beibehalten, das von der strandpromenade am

abend und uns unter all den leuten.

der august noch fast heisser als zuvor, die bräune verlässt einen

schnell wieder und das gefühl von zuhause erreicht einen knapp nach

der zollkontrolle am flughafen, aber irgendwie ist das

halb so schlimm.

im september jedes mal denken, das sei jetzt das letzte mal

baden im see, wenn’s das letze mal ist, dann kurz die augen schliessen und

versuchen, sich all das einzuprägen, die wärme, die

sonne, das bier, die geräusche der badenden leute und sich im

oktober leise darüber ärgern, dass man diesen moment schon

wieder verpasst hat und dabei die menschem ignorieren, die

einem erzählen wollen, man könne doch nicht im voraus wissen, wann etwas

ein letztes mal ist, weil manchmal kann man das,

manchmal schon.

im november die warmen jacken aus dem schrank holen, den

nebel aushalten und dass es schon am nachmittag zu

dämmern beginnt, die traurigkeit nicht ins

haus lassen und sie ignorieren, auch wenn sie an’s

wohnzimmerfenster klopft und ihre nase gegen die

scheibe presst, den kürbis schälen und über die

guten alten zeiten nachdenken, irgendwann im

sommer mal, als du dachtest, nichts und niemand könnte dich je

erreichen auf diese wolke, im dezember das haus schmücken und sich im

hinterkopf behalten, dass das wichtig ist, um der kälte stand zu

halten, in’s kino gehen und glühwein trinken, bis die wangen rot sind und

alles ein bisschen weniger schlimm, weniger still, weniger von allem, sich auf

weihnachten freuen, ohne genau zu wissen, wieso eigentlich und ende des

monats mit champagner anstossen und das wär’s dann auch, die

augen schliessen und hoffen, noch

viele jahre mit dir, bittebitte.

05/01/2017

„Erinnert dich der Winter manchmal an etwas,

du weisst nicht – an was.“ ( J. Hermann)

© Sibyl Kurz

prapë edhe prapë.

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es gibt manchmal diese tage mit diesem bestimmten

licht, die sind wie die damals, mit diesem bestimmten gefühl im

bauch, ich habe getanzt und mich an dir

festgehalten, du hattest diesen wunderbaren

duft und wir haben auf der treppe hinter dem

haus gesessen, die blätter waren braun und die

luft roch nach winter, wir haben tief

geschlafen, später, dein gesicht an meinem sind wir

aufgewacht, an den samstagabenden haben wir uns

zusammen betrunken und über alle anderen

gelästert, wir machen das heute noch, wir haben

unser eigenes sternensystem, in dem niemand anderes

platz hat, die luft reicht nur für uns zwei und genau so

soll es auch sein, es gibt manchmal diese tage mit diesem

bestimmten licht, an denen ich noch heute daran denken

muss, wie du damals gesagt hast, dass es nie was

richtigeres geben wird als das, du und

ich und scheiss auf den rest.

 

25/10/2016

prapë edhe prapë – avnush.

© Sibyl Kurz

einfach so über die zeit.

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man sagt jede art von liebe habe einen

eigenen kosmos, ich denke an dein

altes gesicht und wie du gelacht hast aber irgend-

was an diesem bild stimmt nicht mehr ganz, als

wäre eine pixelreihe etwas verschoben und

würde das bild so komisch verziehen, so dass man

kopfschmerzen kriegt wenn man es zu lange sieht,

man sagt jede art von liebe habe einen eigenen kosmos,

eine eigene anziehungskraft, eine eigene art von

ebbe und flut in diesem fall, manche lieben muss man

loslassen um sie fliegen sehen zu können, andere

wiederum sollte man in der linken

brusttasche immer mit sich rumtragen, ich habe

vergessen, ich habe vergessen mich umzudrehen damals und

mir alles einzuprägen, ich habe vergessen, wie das

ausgeschaut hat damals, dein

leuchten, deine augen, deine art zu gehen, man sagt

jede art von liebe habe einen eigenen kosmos und

ihre eigenen kleinen fixsterne, du warst meiner, das

traurigste daran ist, dass ich nicht mal sagen kann, ich

hätte das damals noch nicht kapiert, das wäre

gelogen, du warst mein fixstern, um dich hat sich

immer alles gedreht, ich auf meiner kleinen

welt und du die galaxie, du warst so was

spezielles, ich hab das immer schon gewusst, tanz meine

kleine, du hast in die hände geklatscht, es erscheint mir

wie eine ewigkeit später, bin ich weinend nach

hause gerannt, man sagt jede art von liebe habe

einen eigenen kosmos, ihre eigene ordnung, ihre sterne und

monde und ihre eigenen auffassung von nähe und

distanz, ich bin eros und du thanatos, ich habs

damals nicht verstanden aber später nachgelesen, du

hast immer recht gehabt, stille sei stärke und dass man nur

aus den fehlern wirklich was lernen kann, dass die

drehbewegung der erde sich in den kleinsten

dingen des lebens wiederholt, dass manche wunden

nicht heilen, einfach so über die zeit, dass das leben

gnadenlos sein kann und die menschen darin auch, deine

alten hände bewegen die schachfiguren über das

brett, jedes mal hast du gesagt, es gäbe keinen

richtigen zeitpunkt für das ende, daddy, auch

diesmal nicht.

30/08/2016

daddy.

©Sibyl Kurz

morn äue ou.

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üsi biuder hange immer no

über mim bett, eigentlech scho fiu

z lang wiu i gseh se nümm würklech, aber

mängisch chöme mer momänte mit

dir i sinn, mir jung und chli irgendwenn

dusse im bikini am strand, lö der

sand dür üsi händ lo rinne und t

wäut sich säuber lo si, mir hei das

so guet chönne aber hüt isch z

einzige wo blibt es biud dervo im

chopf wo langsam verschwümmt, i

versueche so z tue aus würds mer nüt

usmache, dasde deheime bisch ohni mi

z gseh, du hesch geng gseit hüt isch

hüt und morn isch morn, i bi mer nie so

bewusst gsi, wasde würklech dermit

gmeint hesch, aber hüt isch hüt, mini

liebi, ohni di und

morn äue ou.

31/03/2016 

© Sibyl Kurz

einmal blinzeln vielleicht.

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der wind kommt aus dem norden, ich vermisse grossmutters alte

hände, das licht, das meer, der lachs, manchmal nimmt das

leben eine wendung, die man kommen sah, meistens ist es jedoch gerade

umgekehrt, das leben nimmt beinahe gezwungenermassen seine

form an, die angst klebt zwischen meinen schulterblättern, am

wochenende betäuben wir unsere köpfe mit champagner, wir

ziehen die pullover verkehrt herum an, aber das ist nicht so

schlimm, manchmal weinen wir auch, weil alles so gut oder so

viel ist, unser pulsschlag hat sich angepasst, jeden morgen öffnen wir

das fenster ganz weit, damit die neue luft rein kann, vielleicht

weht eines tages ein anderer wind herein, bis dahin ist es ganz

gut so, wir lachen und schlafen viel, wenn du nicht da bist, bleibt die

kälte manchmal den ganzen tag zwischen meinen kleidern hängen.

das jahr ist vier wochen alt, einmal blinzeln vielleicht, es wird alles gut.

01/02/2016

© Sibyl Kurz

mariëssë.

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it was just before summerholidays when I got you. my best friend was at my place with her car and we drove over to your home and picked you up. you were so tiny, sitting there, just breathing. our bags were already packed, we left for ibiza the next morning. when I came back I spent the whole summer reading with you sitting on my knees, I could always feel your fast heartbeat. sometimes you closed your eyes a little bit as if you were in some kind of trance. then I would walk around with you in my arms glimpsing around. you grew very quickly and your fur always felt as if you were coming straight out of the dryer. I can still feel your fur in my palms.

you died out of the blue, a month before christmas, I just finished knitting my new jumper that day. I buried you behind the house, it was dark and cold and there were wet leaves everywhere on the ground. you were so special, I knew that right from the beginning.

that day before ibiza on our way home with you sitting in a little basket that I held in my arms, my friend asked me why I’ve chosen this name for you. I told her it’s a blessing. okay, she said, and what does it mean?

it means may happiness stay with you, always.

24/11/2015

© Sibyl Kurz

mal so, mal so.

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ich habe nicht gemerkt, wann genau es herbst wurde und

jedes jahr muss ich über diese tatsache lachen, weil doch

niemand zu hause sitzt und auf das erste goldene blatt

wartet, das in den hinterhof fällt, aber jedes mal bin ich

trotzdem überrascht, wie schnell es dunkel wird und dass

ich den moment verpasst habe, in dem man eine

wärmere jacke anziehen sollte, du fragst mich, warum ich nicht

mehr schreibe und ich weiss nicht, wie ich das

beantworten soll, wie ich das gefühl beschreiben soll, wenn man

nichts zu sagen hat, ich lebe aus kisten und von der hand zum

mund, ich träume viel aber deute nichts, ich vermisse die

alten hände am freitagabend in der warmen küche, das gefühl, das

sich immer dann in meinem bauch einnistete, ich spaziere durch

die strassen der stadt und manchmal kann ich nicht

schlafen, ich will immer dort sein, wo du bist aber bin immer

dort zu hause, wo du nicht bist, liebling, und ich

weiss nicht genau, was ich mit dieser tatsache anfangen soll.

manchmal koche ich was schönes und decke automatisch den

tisch auch für dich, ich lasse es dann meistens so, keine

ahnung warum, ich habe alles, ich habe dich, was

soll ich da mehr sagen, es geht mir

gut, mal so, mal so.

01/10/2015

avnush.

© Sibyl Kurz

damals mit kaviar.

manchmal vergisst man, wie das zuhause genau gerochen hat, du

sitzt am tisch und wir essen fisch und knäckebrot und

sprechen über filmjölk und ich versuche, mich daran zu erinnern, also

wie das genau geschmeckt hat, und ich mag es, wie du die

wörter aussprichst, dass das z in prozent bei dir eher ein s ist und ich

muss stets daran denken, wie vertraut das alles war, der see und

das boot und die insel und die abendessen im garten damals mit

kaviar und kantereller und wie die

sonne unterging und wie anders der winkel der strahlen zum

horizont war, dass es hier nicht dieselbe art nebel über dem

see gibt wie dort, nicht dieselben süssigkeitenläden, nicht

dasselbe vertraute essen, kein singsang in der sprache, keine

hellen stoffe, welche oma durch die finger fliessen lässt und zu

gardinen verarbeitet, sowieso kein lachs und kein strömming und kein

kalles kaviar, nur der aus ikea aber der ist irgendwie fake, kein

polarbröd, keine bullar, keine so fantastischen geburtstagstorten und

lingonsylt und während ich das denke, erzählst du von dort, von der

familie und den festen und den hunden mit den weichen ohren und den

alten gesichtern und den schären und den kleinen häuschen

und den booten und da, in genau dem moment da, fühle ich es zum

ersten mal seit jahren: dass man manchmal vergisst, wie das zuhause

genau gerochen hat.

04/08/2015

if you bring forth what is within you.

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ich habe mir schutzmauern gebastelt und

flügel zum fliegen, ich habe die welt von

ganz oben gesehen und auch von

ganz unten, habe dein lachen gesucht und

deine sommersprossen, deine stimme und dieses

gefühl im bauch, ich habe versucht, die

lücke zu schliessen oder wenigstens zu

füllen, irgendwie, mit irgendwas, bin

durch die tage gestreift und abends schlaflos im

bett gelegen, der mond war halb und ich auch und

alle haben immer gesagt, es wird besser werden, meine

kleine, das leben, ich habe es ihnen geglaubt aber

ich habe sie nie gefragt, wie das denn bloss

werden soll, bin durch die wochenenden getanzt bis

ich nicht mehr wusste, wo oben und wo

unten war, aber wenn ich an dein gesicht denken musste, wollte

ich nach hause, sie sagten, du musst loslassen, du

musst dein leben leben, dazu ist es da, aber

niemand war da, wenn der stich kam, diese

sekunde zwischen den herzschlägen an

dem tag, als du geboren wurdest und an dem tag,

an dem du gingst, niemand konnte mir

erklären, wieso man dieses gefühl mit

niemandem teilen kann, ich habe mir

schutzmauern gebastelt und flügel zum

fliegen, ich brauchte das so dringend, weil du

doch dafür immer da warst, ich hatte keine

erleuchtung in dieses sieben jahren, ich fliege und ich

bin sicher, aber dein gesicht fehlt, deine

stimme und deine haut und alles, was dich

ausgemacht hat für mich und ich hoffe, dass du das

weisst und ich hoffe auch, dass du verstehst, wieso

das immer so wichtig sein wird.

 

26/02/2015

»if you bring forth what is within you,

what you bring forth will save you.

if you do not bring forth what is within you,

what you do not bring forth will destroy you.«

(Gospel of Thomas)

 

© Sibyl Kurz